KREIS-METAMORPHOSEN IN WEISS.

Ein Bilderzyklus seit 2002

 

Kreis-Metamorphosen in Weiss im Museum im Klosterhof in Lauffen am Neckar 2010, Foto: Martin Blume

In der gleichformatigen Serienarbeit (1,60m x 0,55m) erhebt sich auf jedem Bild im oberen Drittel ein Kreis-Motiv reliefartig, skelettartig aus der Bildfläche. Diese Wirkung wird dadurch erzielt, dass die Leinwand zuerst mit dem entsprechenden Motiv monatelang mit farbigem Garn von Hand bestickt, dann auf den Rahmen gespannt und anschließend mit weisser Farbe übermalt wird. Diese Serie ist in Weiss gehalten und lässt höchstens eine zarte, leise Farbigkeit durchscheinen, um die Strenge der Form und der Struktur herauszukristallisieren. Im Mittelpunkt steht ein formales Interesse an dem Gerüst von Kreis-Bildern der Kunstgeschichte. Die dargestellten Motive werden aus dem christlichen, buddhistischen, islamischen, jüdischen und südamerikanischen Kulturkreis und aus der Naturwissenschaft zitiert. Die Gliederung des Kreises in den verschiedenen Variationen wird thematisiert. Die geometrischen Formen vermitteln Strenge, Klarheit und gleichzeitig Bewegtheit.

Die Bilder können als abstrakte Andachts- bzw. Besinnungsbilder betrachtet werden. Der Ursprung der Motive liegt in einem Abstraktionsprozess, den es wieder rückzuführen gilt. Welche Weisheit transportiert die Form?

Die Totalität der Form findet eine Gegenüberstellung in der Formlosigkeit der weissen Fläche - die unteren zwei Drittel des Hochformats sind geweisselt und bieten Freiraum. „Das Weiss klingt wie ein Schweigen, das plötzlich verstanden werden kann.“ (W.Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, Seite 95/96)

Der Bewegungscharakter des Bodenlabyrinths aus der Kathedrale von Chartres (um 1216) inspirierte zu weiteren Labyrinth-Darstellungen: Die Struktur des Labyrinths liegt reliefartig auf der Bildfläche. Die Labyrinth-Gestalt scheint eine Art Aufsicht eines inneren Prozesses zu sein. Aus dieser Perspektive lässt sich die Zielorientiertheit des Weges deutlich erkennen. Der Betrachter wird dazu angeregt, sich in das Labyrinth hineinzubegeben, die Spur aufzunehmen und so eine innere Bewegung zu vollziehen. Ein Labyrinth ist kein Irrgarten mit Sackgassen, sondern es beschreibt einen Weg, der von außen nach innen geht und wieder hinaus. Was beim Gehen als Sackgasse erscheint, stellt sich beim Weitergehen als Kurve heraus. Man kann diese Bewegung als Hinwendung zu einer geistigen Mitte ansehen. Innen angekommen, muss man bewusst die Richtung ändern, umkehren, um den Weg wieder nach außen zu finden. Der Zeitpunkt der inneren Wendung, die Enantiodromie, ist ein Mysterium menschlichen Lebens. Ist Verwandlung ohne Berührung im Innersten möglich? Scheinbar Statisches kann bewegen. Die Darstellung des Labyrinths im Kreuz verdeutlicht, dass das Kreuz ein Durchgangsstadium - im wahrsten Sinne des Wortes - ist und kein Endpunkt.

Absicht dieser noch nicht abgeschlossenen Serienarbeit ist es, die Einheit in der Vielfalt darzustellen mittels vorhandener Motive. Mit den „Kreis-Metamorphosen in Weiss“ wird eine Annäherung an die Idee einer Demokratie der Phänomene angestrebt im Sinne Carl Friedrich von Weizsäckers. Er hatte die Vision einer interessanten Pluralität:

„Die Vielheit der Kulturen und die Vielheit der Religionen ist der Reichtum im Garten des Menschlichen.“ 

Bettina Roth-Engelhardt

 

Hommage an die Simulation des Zerfalls eines Higgs-Bosons, Baumwollfaden auf Leinwand gestickt, 3mx1,60m, 2016, Foto: H.J.Luderer

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„EINEN GOTT, DEN ES GIBT, GIBT ES NICHT."